Siebenunddreißig Grad: Das ist die
Fieberflagge“, sagt Hans Helmut Hillrichs, Leiter der
ZDF-Hauptredaktion Kultur und Wissenschaft und Erfinder der
Dokumentationsreihe. Im November 1994 startete „37 Grad“ mit
einem Film über einen Vietnamsoldaten, der nicht vergessen
kann, was er im Krieg erlebt hat, und nach Vietnam
zurückkehrt. Mit „Jenseits der Schattengrenze“, der ein Jahr
später den Adolf-Grimme-Preis bekam, hatten die drei
beteiligten Redaktionen „Kirche und Leben
evangelisch/katholisch“ und „Geschichte und Gesellschaft“
Maßstäbe gesetzt: „37 Grad“ sollte normale Menschen in
außergewöhnlichen Situationen porträtieren.
Seitdem haben in den vergangenen zehn Jahren Menschen in
über 440 vielfach prämierten Dokumentationen gezeigt, wie sie
mit existenziellen Lebensentscheidungen und Lebenskrisen
umgehen. Trauer, Schmerz, Tod, Abschied: Die Autoren und
Redakteure wagen sich an Themen, die in den Medien als
„unsexy“ gelten. „Wir wollen die Wärmetemperatur in der
Gesellschaft messen und zur Klimaforschung beitragen.“ Filme
über Arbeitslose, die in Europa ihr Glück suchen,
Kindesmissbrauch, kriminelle Rentner oder Mütter, die ihre
Familie verlassen, bannen jeden Dienstag um 22.15 Uhr 30
Minuten lang zwischen zwei und drei Millionen Menschen vor den
Fernseher. Mit einem Marktanteil von durchschnittlich 10,8
Prozent hat sich „37 Grad“ unter den dokumentarischen
Formaten sein eigenes Publikum und seinen eigenen Stil als
biografisches Format erarbeitet. Aber: Unausgesprochenes
anzusprechen, es auch noch im Fernsehen zu zeigen, erfordert
Mut: von den Autoren und besonders von ihren Protagonisten.
Jochen Kalthaus hatte ihn: Im Januar 1999 traute er sich,
den Zuschauern seine Wohnung zu zeigen. Eine Wohnung, vermüllt
und zugestellt mit Kisten und Kästen, in denen er alles
Mögliche sammelte und hortete. Ein Messie ist er, einer, der
in einem desolaten Haushalt lebt und hinter dessen
unordentlicher Fassade psychische Probleme stecken. „Zehn
Jahre lang hatte ich niemanden mehr in meine Wohnung
gelassen“, sagt er. Als die Autorin Sibylle Trost nachfragte,
ob er für den Film „Wo Saubermänner machtlos sind – Deutsche
im Müll“ seine Wohnung öffnen würde, sah er das als Chance für
sich und andere Messies, endlich in der Gesellschaft auf ihr
Problem aufmerksam zu machen und es dabei richtig
darzustellen.
Fast zwei Jahre hatte sich die Autorin mit dem Thema
beschäftigt, viel darüber gelesen, mit Experten und den damals
noch wenigen Selbsthilfegruppen gesprochen. Sie hatte zwar
viele Messies kennen gelernt, die aber wollten eines auf
keinen Fall: vor die Kamera. „Unsere Themen sind so heikel,
dass viele Betroffene sich nicht trauen, ihr Leben und oft
auch ihre Peinlichkeiten vor einem großen Publikum zu zeigen“,
sagt sie. Aber: Jochen Kalthaus hat zugesagt. „Ich hatte den
Eindruck, dass Sibylle Trost gut recherchiert hatte und der
Film ernsthaft das Messie-Syndrom darstellt.“ Die Sicherheit,
diesen Schritt zu wagen, gaben ihm die Vereinbarungen, die
zwischen ihm, dem Kamerateam und der Autorin getroffen wurden.
Die versierte „37 Grad“-Autorin wahrt die Intimsphäre ihrer
Protagonisten. „Ich lasse mich von ihnen und ihrer Welt
berühren“, sagt Sibylle Trost. Nicht nur sie, alle am Film
Beteiligten machen während der Dreharbeiten, die in der Regel
zehn Tage dauern, einen Entwicklungsprozess durch. Das möchte
sie auch bei ihren Zuschauern erreichen: Sie gibt keine
Meinungen, keine Thesen zu einem Thema vor, sondern möchte die
Zuschauer zu eigenen Einsichten bewegen.
Das ist, wie bei vielen anderen „37 Grad“-Themen auch,
bei dem Film über die Messies geglückt. Und hatte
Konsequenzen: Viele Zuschauer erkannten ihre eigenen Probleme
im Film wieder und konnten sie endlich in Worte fassen. „Mein
Telefon stand nicht mehr still. Hatten wir vor dem Film 30
Selbsthilfegruppen, ist die Zahl danach sprunghaft gestiegen“,
sagt Jochen Kalthaus. Heute gibt es 180 Messie-Gruppen in
Deutschland.
Auf Jochen kamen aber auch Reaktionen aus dem privaten
Umfeld dazu, denn seine Familie hatte bis zur Ausstrahlung des
Films nichts von seinen Problemen gewusst und sich sofort zu
ihm nach Berlin aufgemacht. Jochen floh, versteckte sich,
hielt das nicht aus. „Ich habe mich damals geschämt“, sagt er.
Erst vier Jahre später konnte er zum ersten Mal Leute in seine
Wohnung lassen.
Die letzte Reaktion kam fast drei Jahre später: von den
Krankenkassen. Jochen Kalthaus hatte dafür gesorgt, dass
Mitarbeiter von Krankenkassen den Film sehen konnten. Ende
2002 wurde das Messie-Syndrom als Ausdruck einer psychischen
Störung anerkannt, sodass Betroffene therapeutische Hilfe in
Anspruch nehmen können. Reinhold Hartmann, Redaktionsleiter
Kirche und Leben evangelisch: „Wir beobachten die
Gesellschaft, und manche Filme greifen in das
gesellschaftliche Leben ein.“ Die Themenschwerpunkte habe sich
im Laufe der vergangenen zehn Jahre geändert. Anfangs
spiegelten entwicklungspolitische Themen, besonders über
Menschen in der Dritten Welt, die Interessen der Zuschauer
wider. Heute mag das Publikum vor allem Filme zu den Themen
Familie und Arbeitsmarkt.
An Vorschlägen mangelt es nicht. Bis zu 2000 Themen gehen
pro Jahr bei den Redakteuren ein. Aber erst, wenn alle drei
Redaktionen sich am runden Tisch über ein Thema einig sind,
kann der Film in die Produktion gehen. Manche
Produktionsfirmen haben schon über 50 Angebote eingereicht,
von denen keines verwirklicht wurde. Andere Autoren treffen
mit ihren Vorschlägen auf Anhieb den Nerv der Gesellschaft und
damit auch den der „37-Grad“-Redaktion.
„Das ist auch das Schöne an der Arbeit als Autorin für ,37
Grad': dass ich am Puls der Menschen arbeiten kann. Das bringt
Lebendigkeit“, sagt Sibylle Trost. Ganz nah dran war sie mit
der Dokumentation über Menschen, die als Dienstleister
arbeiten. „Die Putzfrau, die Köchin und der Wachmann – Arbeit
ist das ganze Leben“ wagte einen Blick in die Arbeitswelt der
Wenigverdiener und Arbeiter. Steffi Lauck, die Jungköchin, die
von morgens drei Uhr bis abends acht Uhr auf den Beinen ist,
hat einen Blick in ihr Arbeits- und Privatleben zugelassen,
weil sie mit einem Vorurteil aufräumen wollte. „Es heißt doch
immer, die Jugend würde nicht arbeiten“, sagt sie. Alle
sollten sehen, dass das so nicht stimmt.
Ihr Leben hat sich, anders als bei Jochen Kalthaus, nach
dem Film nicht geändert. Immerhin kommen seitdem mehr Menschen
ins Fernsehen, die nicht zu den Gutverdienenden gehören. „Aber
noch mal würde ich das nicht machen“, sagt sie. „Es ist doch
sehr anstrengend, wenn die Kamera von morgens bis abends dabei
ist.“
Und Sibylle Trost? Sie arbeitet im Moment schon an ihrem
nächsten Film. Es geht um ein Vier-Generationen-Haus. „Das
Spannende ist, etwas nicht zu bewerten, sondern es zu
dokumentieren. Das ist eine phantastische Arbeit.“
Das ZDF zeigt zum Jubiläum am 26. 10. um 22.15
Uhr „Alisons Baby: Die ersten Jahre“. Um 0.35 Uhr folgt
eine lange Nacht mit sechs ausgewählten Dokumentationen.